Südmongolisch (Innere Mongolei, China)

Seit der Bildungsreform vom Sommer 2020 gilt Schreiben und Publizieren auf Mongolisch in der Inneren Mongolei als politisch riskant. Am 26. August 2020 ordnete die Bildungsbehörde der Region an, drei Kernfächer – Sprache und Literatur ab der ersten Klasse, Moral- und Rechtskunde ab der ersten Klasse sowie Geschichte ab der siebten Klasse – künftig auf Hochchinesisch statt auf Mongolisch zu unterrichten. Regionale Lehrbücher in mongolischer Schrift wurden durch landesweit einheitliche chinesische Ausgaben ersetzt. Innerhalb weniger Tage traten nach Schätzungen rund 300.000 ethnisch mongolische Schüler:innen in den Schulstreik (Wikipedia); an einer Schule im Banner Naiman sank die Zahl der anwesenden Kinder von 1.000 auf rund 40. Am 2. September wurde vielerorts der schwarze Suld gehisst, das traditionelle Kriegsbanner, das auf Dschingis Khan zurückgeht – in diesem Moment gelesen als Zeichen kulturellen Widerstands.

Die Behörden reagierten mit einer der größten Verhaftungswellen, die die Region seit Jahren erlebt hat. Nach Angaben des Southern Mongolian Human Rights Information Center gerieten zwischen 8.000 und 10.000 Menschen im Zuge der Proteste in Haft, Hausarrest, „intensive Erziehungslager“ oder Verschwindenlassen (RFA). Eltern wurde mit Entlassung gedroht, Kindern mit Schulverweis, für Hinweise auf Protestierende wurden Prämien ausgesetzt, Chinas einzige mongolischsprachige Social-Media-Plattform wurde abgeschaltet.

Unter den Betroffenen waren mehrere Schriftsteller:innen, deren Werk eng mit der mongolischen Sprache und Schrift verbunden ist. Der Historiker Lhamjab A. Borjigin hatte 2006 im Selbstverlag ein Buch veröffentlicht, das im Englischen als China’s Cultural Revolution bekannt wurde: eine nach zwanzig Jahren Recherche entstandene Sammlung von Zeitzeug:innenberichten über die Gewalt gegen ethnische Mongol:innen während der Kulturrevolution, nachdem anerkannte Verlage das Manuskript abgelehnt hatten. 2019 stand er deswegen in Xilinhot vor Gericht: In einer nur dreistündigen, unter Ausschluss seiner Familie geführten Verhandlung wurde ihm „Separatismus“, die „Untergrabung der nationalen Einheit“ sowie die unerlaubte Veröffentlichung von 2.000 Exemplaren vorgeworfen (PEN America). Er erhielt eine einjährige Bewährungsstrafe und musste sich fortan täglich bei der Polizei melden, wöchentlich schriftlich Bericht erstatten und auf Versammlungen, Interviews und öffentliche Auftritte verzichten. Als die Sprachproteste im Herbst 2020 begannen, wurde der inzwischen 75-Jährige erneut unter Hausarrest gestellt. Ihm gelang die Flucht in die Mongolei, wo er im Exil in Ulaanbaatar weiterschrieb. Am 3. Mai 2023 nahm ihn dort die mongolische Polizei fest und lieferte den inzwischen 80-Jährigen nach China aus (PEN America); seither gilt er als in chinesischem Gewahrsam, sein Verbleib ist nicht öffentlich bekannt (PEN America).

Weitere Autor:innen wurden im selben Zusammenhang unter Hausarrest gestellt oder in Haft genommen: der Schriftsteller Sechenbaatar, unter anderem Autor der Bücher Frühlingsblüten und Heshigten-Folklore, nach einem Protest am Dalai-Nor-See; der Schriftsteller und Dichter Nasanulzei Hangin, nachdem er einen Protest mit rund 500 Teilnehmenden organisiert hatte; der Musiker Ashidaa; sowie der 40-jährige Tsogjil, der in WeChat-Gruppen mit rund 2.500 Mitgliedern über Landrechte und Umweltfragen ethnischer Mongol:innen diskutiert hatte und wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ angeklagt wurde, nachdem er gegen die Festnahme Sechenbaatars protestiert hatte (RFA, RFA).

Der bekannteste Fall reicht weiter zurück. Der 1955 geborene Hada gründete 1992 die Südmongolische Demokratische Allianz und betrieb mit seiner Frau Xinna eine der wenigen Buchhandlungen für mongolischsprachige Literatur in Hohhot. 1995 wurde er verhaftet, 1996 wegen Spionage und Separatismus zu 15 Jahren Haft sowie vier weiteren Jahren Aberkennung der politischen Rechte verurteilt; seine Frau saß vier Monate in Haft, der gemeinsame Sohn Uiles wurde 2002 zu zwei Jahren Haft verurteilt, die Buchhandlung musste schließen (Wikipedia). Nach seiner Entlassung im Dezember 2010 blieb Hada bis 2014 in einer haftähnlichen Einrichtung, danach unter engmaschig überwachtem Hausarrest. Am 25. Januar 2025 wurde er mit Organversagen ins Krankenhaus eingeliefert; Sicherheitsbeamte unterbanden Besuche und Kontakt. Seit dem 6. Februar 2025 fehlt von ihm jede Spur (PEN America).