Am 28. September 2022 klopften Männer an die Tür von Jurij Kerpatenko in Cherson. Der 46-Jährige war Dirigent, Leiter des Kammerorchesters Gileja und seit Jahren eine feste Größe im kulturellen Leben der Stadt. Wenige Tage zuvor hatte er sich geweigert, ein von den Besatzungsbehörden organisiertes „Wohltätigkeitskonzert” zu dirigieren – eine Propagandaveranstaltung, die der Welt ein Bild von zurückgekehrter Normalität unter russischer Herrschaft liefern sollte. Kerpatenko wurde in seiner eigenen Wohnung erschossen. Die ukrainische Staatsanwaltschaft ermittelt bis heute wegen vorsätzlichen Mordes in Verbindung mit einem Kriegsverbrechen. Sein Tod ist kein Einzelfall: In den russisch besetzten Gebieten der Ukraine ist die Sprache, in der jemand singt, unterrichtet oder ein Buch liest, längst zur Frontlinie geworden.

Was in Cherson, Mariupol, Melitopol oder in den seit 2014 besetzten Teilen des Donbas geschah und geschieht, hat ein erkennbares Muster. Kulturarbeit, die nicht auf Russisch oder im Sinne der Besatzungsmacht stattfindet, gilt als verdächtig, fremd, antinational – im Zweifel als Sabotage. Wer auf Ukrainisch singt, wer im heimischen Dialekt spricht – etwa im Surschyk, jener seit Generationen gewachsenen Mischsprache aus Ukrainisch und Russisch, die in vielen ländlichen Regionen der Ost- und Südukraine Alltagssprache ist –, bewegt sich unter Besatzung auf gefährlich brüchigem Eis. Lehrerinnen und Schulleiterinnen berichten Menschenrechtsorganisationen, dass schon der Gebrauch des Ukrainischen im Unterricht als „Zeichen des ukrainischen Nationalismus” gedeutet wird; einige wurden verhört, in improvisierte Kellerverliese verschleppt oder mit Haft bedroht, weil sie sich weigerten, nach russischem Lehrplan zu unterrichten. Der frühere Chersoner Regionalpolitiker Jurij Sobolewski beschreibt, wie ukrainischsprachige Bücher systematisch aus Bibliotheken und Schulen entfernt und durch russische Literatur ersetzt werden.

Die Zahlen dahinter sind nüchtern erschütternd. Nach Angaben des ukrainischen Sprachbeauftragten Taras Kremin wurden seit Beginn der Vollinvasion fast 1.000 Bibliotheken zerstört oder beschädigt, mehr als 200 Millionen ukrainischsprachige Bücher gingen verloren. In Mariupol allein wurden vier der fünfzehn öffentlichen Bibliotheken vollständig zerstört, rund 180.000 Bände vernichtet – während die Besatzer im Jahr 2023 zugleich 2,5 Millionen russische Bücher in die Stadt brachten. Autoren wie Nationaldichter Taras Schewtschenko, die Schriftstellerin Lessja Ukrajinka oder der zeitgenössische Autor Andrij Kurkow wurden in besetzten Gebieten faktisch zu „extremistischer” Literatur erklärt; alles, was an Holodomor, Euromaidan oder ukrainische Geschichte nach 1991 erinnert, wird aus den Regalen entfernt. Es ist, mit den Worten von Kulturaktivisten vor Ort, eine „gezielte Auslöschung”.

Dass ausgerechnet der Dialekt, den viele Familien im Osten und Süden der Ukraine seit ihrer Kindheit sprechen, unter Generalverdacht steht, zeigt, wie wenig es der Besatzungsmacht um Sprache im eigentlichen Sinn geht – und wie sehr um Kontrolle über Identität und Loyalität.

Erwähnt werden muss aber auch, dass die Lage der russischen Sprache innerhalb der freien Ukraine selbst weiterhin angespannt ist: Es wurden russischsprachige Bücher und Musik in Verbreitung und Förderung eingeschränkt, und im Dezember 2025 strich das ukrainische Parlament Russisch von der Liste der nach der Europäischen Sprachcharta geschützten Minderheitensprachen.


Quellen: Wikipedia – Yurii Kerpatenko; PEN America – Statement zur Tötung von Jurij Kerpatenko; Euronews – Ukrainian conductor Yurii Kerpatenko killed; ZOIS Spotlight – Lehrer:innen unter russischer Besatzung; SRF – Wie Russland eroberte ukrainische Gebiete russifiziert; KHPG – Russia destroys almost all Ukrainian literature in occupied Donbas; PEN Ukraine – Books in Ruins; Ukrainska Pravda – libraries destroyed by Russia; Kyiv Independent – Russia no longer protected minority language in Ukraine.