Eines der wesentlichen Probleme des Niederdeutschen – und des Friesischen ebenso – ist eines, das viele Sprachen teilen, die im Alltag noch gesprochen werden, aber nicht mehr Hauptsprache sind: Ihnen gehen die Wörter aus.
Nicht nur die Wörter für neue Dinge – Fernseher, Smartphone, Fernmeldesatellit. Auch nicht nur die Jugendsprache, die es dort ebenso geben müsste und die das Deutsche seit Jahrhunderten prägt. Auch altes Wortgut geht verloren, Wörter, die jahrhundertelang in Gebrauch waren. Sie verschwinden, weil sie nur dort gebraucht werden, wo eine Sprache Hauptsprache des täglichen Verkehrs ist – und dort, wo sie es nicht mehr ist, wird dieser Gebrauch nicht mehr nötig.
Linguisten nennen das Domänenverlust: Eine Sprache zieht sich aus einzelnen Lebensbereichen zurück, und mit jeder Domäne, die sie verliert, verliert sie auch deren Wortschatz. Verwaltung, Schule, Fachdiskurs, Technik – das sind die naheliegenden Bereiche, in denen Niederdeutsch längst nicht mehr verhandelt wird, und ihr Wortschatz verkümmert entsprechend. Aber der Verlust reicht tiefer, bis in Domänen, die man für unverlierbar halten möchte: das Gespräch zwischen Liebenden, das andere Wörter braucht als das Gespräch zwischen Menschen, die sich abgrundtief verabscheuen. Auch diese Register – Zärtlichkeit, Hass, alles dazwischen – haben ihren eigenen Wortschatz. Auch er schwindet, wenn die Sprache nicht mehr für das ganze Leben gebraucht wird, sondern nur noch für Ausschnitte davon.
Das ist ein schwerer Verlust, aus mehreren Gründen. Der schwerste: Er erschwert das Schreiben von Literatur. Literatur lebt von Wortgewalt, und zur Wortgewalt gehört ein großer Berg an Wörtern – einer, den man durchschreiten kann, auf den man steigen kann, von dem aus man einen guten Ausblick hat.
Was wir schaffen wollen, ist, diesen Wortschatz wieder zu heben – und nicht nur das, sondern ihn auch zu erweitern, um alle jene Wörter, die neu hinzukommen müssen, damit das Niederdeutsche und die friesischen Sprachen zu Literatursprachen werden, so wie es andere Sprachen auch sind.
Wir sind nicht die Ersten, die vor diesem Problem stehen. Aber wir haben, wie viele andere Sprachen, die sich derselben Problematik stellen mussten, eine reichhaltige Literatur – das Niederdeutsche mehr als das Friesische, aber auch dort ist sie vorhanden. Aus dieser Literatur können wir zehren. Wir können den Leib der Literatur sezieren, erkennen, was ihn ausmacht, und ihn neu erschaffen. Das ist ein bisschen Frankenstein. Aber das war es im Irischen auch, im Gälischen – gleich welcher Spielart: irisch, walisisch, schottisch, manx. Dort setzen wir an.
Das ist auch eines unserer Ziele, auch wenn unsere Hauptarbeit in der Verteidigung der Freiheit liegt: In der Verteidigung der Freiheit des Wortes, aber auch der Freiheit zu sein, wer man ist (denn wenn man das nicht darf, weil man z.B. als queere Person verfolgt wird, verblasst Ausdruck und Wahrnehmbarkeit) und die Freiheit, in einer Umwelt zu leben, die nicht durch die Klimakatastrophe zerstört wird (es schreibt sich schlecht bei Sturmflut oder brennenden Wäldern).
