Unser Mitgefühl gilt den Opfern und ihrer Familien, sie gilt den Angehörigen und Freund:innen der getöteten Frau. Sie sind die Leidtragenden des Anschlags im Rahmen des CSD in Berlin.
Die Bundestagspräsidentin hat heute am Reichstag Halbmast flaggen lassen. Das Präsidium des Niederdeutsch-Friesischen PEN-Zentrums nimmt das auch als indirekte Anerkennung wahr, mit den Restriktionen hinsichtlich der Beflaggung und des Verbotes von Regenbogen-Ansteckern im Plenarsaal falsch gelegen zu haben – auch in den Konsequenzen der öffentlichen Wirkung.
Und es mag sein, dass bei dem Attentäter von Berlin auch die Halluzination eines gesellschaftlichen antiqueeren Konsenses dazu geführt hat, die letzte Hürde eines möglichen Skrupels zu überwinden, um einen Anschlag zu verüben.
Der Mann ist nach Informationen der Polizei Islamist und flüchtig. Ob er Helfershelfer auch vor Ort gehabt hat, ist zur Stunde noch ungeklärt.
Es ist eine alte und bekannte Tatsache, dass Islamisten und Rechtsextreme ideologisch nicht weit voneinander entfernt sind. Wir wissen das seit dem Besuch des Jerusalemer Großmufti Mohammed Amin al-Husseini bei Adolf Hitler, wir wissen es, seit die ultrakonservative iranische Tageszeitung Kayhan, deren Chefredakteur direkt vom obersten Führer Irans ernannt wird, aus ihrer Mördergrube kein Herz machte und schrieb: Hitler sei „klüger und mutiger“ gewesen als alle aktuellen Staatsführer Europas, da er „die jüdische Rasse aus Europa vertrieben hat“. (zitiert nach Iran Wire, April 28, 2022). Wir wissen es, seit die SS-Division „Handschar“ aufgestellt wurde.
Wir wissen auch, dass sich diese menschenverachtenden Ideologien auch heute in ihrer gesellschaftlichen Wirkung nicht grundsätzlich unterscheiden. Queere Menschen – wie viele anderen Gruppen und an erster Stelle Juden und Jüdinnen, Sinti:zze und Rom:nja – sind diejenigen, die unter diesen Ressentiments, unter der Gewalttätigkeit, unter den Verboten, unter den Gefängnisstrafen, unter staatlichen Morden in vielen Ländern leiden müssen.
Die evangelikalen Christen, die in Uganda und anderswo in Afrika – oft mit Geldern aus den USA – die Verfolgung von Homo- und Transsexuellen zu einem Instrument staatlichen Handelns gemacht haben, sind keineswegs anders als die Islamisten, die in arabischen Staaten dafür sorgen, dass Homosexuelle verfolgt und getötet werden.
Nein, das alles hat ein und dieselbe Basis: das Ziel des einen Extremisten ist wesensgleich mit dem Ziel des anderen. Die Deutschnationalen, die Nationalsozialisten, jene die die „konservative Revolution“ ausgerufen haben – sie verfolgen abweichende Lebensentwürfe genauso wie die, die radikale Islamisten, evangelikalen Christen oder fanatischen Katholiken sind.
Und wo der antiqueere Hass ist, da ist auch der Antisemitismus nicht weit.
Der Angriff auf das Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Würzburg ist im Grundsatz geistesverwandt mit dem Anschlag in Berlin von heute, mit Anschlag in Magdeburg, mit dem Oktoberfestattentat.
Der Anschlag in Magdeburg vor einigen Jahren – dessen Täter kürzlich verurteilt wurde, wenn auch mit einer die rechtsextreme Gesinnung des Verbrechers nicht erwähnenden Urteilsbegründung – ist in seinem rechtsextremen Kerngehalt nicht anders als der Anschlag von heute.
Das Attentat auf das Oktoberfest vom 26. September 1980 lässt sich in seinem Wesensgehalt nicht von dem heutigen Anschlag unterscheiden, sowenig, wie der Anschlag auf ein jüdisches Altersheim am 13. Februar 1970 in München (Rechtsextremisten), der durch glückliche Umstände verhinderte Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin am 9. November 1969 (Linksextremisten um Rainer Kunzelmann) oder der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz durch Islamisten (19. Dezember 2016). Aber auch die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds sind Taten gleicher Art. Was sie alle vereint, ist die Menschenverachtung.
Und in dieser Menschenverachtung – das ist das Wesensmerkmal islamistischer, rechtsextremer, linksextremer, evangelikaler und radikalkatholischer Ideologien – zählt nicht das Leben des Einzelnen, sondern der Wille einen Zwangskörper zu errichten, dem sich das Individuum unterzuordnen hat in allen Lebensbereichen: Das Volk, die Lehre, die Religion. Das ist das Verbindende.
Und deshalb sagen wir:
Exekutive und Judikative müssen handeln. Die Legislative muss handeln. Sie müssen handeln hinsichtlich der Islamisten, wie der extremistischen Christen, hinsichtlich der ausländischen zerstörerischen Einflussnahme auf den innerstaatlichen Diskurs, hinsichtlich der Rechtsextremen. Und wir, denn wir, die Bürger dieses Landes, sind der Staat. Die Würde des Individuums, sein Recht auf ein freigestaltetes Leben, die Menschenrechte, aber auch die bürgerlichen Freiheiten müssen geschützt werden.
Das Niederdeutsch-Friesische PEN-Zentrum vertritt Sprachen, die auch in Ländern gesprochen werden, welche unter Diktatur und Autoritarismus zu leiden hatten (wie z.B. Brasilien), die noch darunter leiden (wie z.B. Russland). Noch ist es Zeit, die Demokratie zu wahren und zu verteidigen. Zögern wir nicht!
Niederdeutsch-Friesisches PEN-Zentrum e.V.
Sitz: Hamburg | Verwaltung: Kolpingstraße, Ochsenfurt
Kontakt: Martin Leander Briola (Leander Sukov)
presse@nf-pen.eu
