In den letzten Tagen hat es Proteste gegen die Berufung von Maha El Hissy in die Jury des Deutschen Buchpreises gegeben. Auch ihre Abberufung wurde angeregt. Ausschlaggebend dafür war, dass sie, wie viele andere in Deutschland und anderswo, das Vorgehen der israelischen Armee in Gaza als Genozid bezeichnet hat und wohl auch Israel für einen postkolonialen Kolonialstaat hält, inklusive Apartheid und Verfolgung von Palästinensern. Soweit die uns bekannten Meinungen und Informationen. Wir machen uns das nicht um einen Deut zu eigen. Wir lehnen diese Zuschreibungen an den Staat Israel ab. Wir teilen aber die Kritik, dass die postkoloniale Weltsicht als antisemitische Erzählung zurechtgestutzt nicht nur instrumentalisiert wird, sondern diese Unkenntlichmachung des Eigentlichen (nämlich u.a. des rassistischen Charakters, der auch den Antisemitismus einschließt) zugleich den Weg öffnet, auch die postkoloniale Weltsicht zu unterminieren. Die Erklärung von Juden zu Kolonialisten enthebt die weiße Mehrheitsgesellschaft aus der Verantwortung, weil sie die Täter der Massaker und der Genozide in Afrika unkenntlich macht hinter einer falschen Erzählung über Israel.

Wir stehen zur Freiheit des Wortes, solange das Wort nicht Hass und Boshaftigkeit trägt, nicht zu Gewalt oder böser Tat aufruft. Und in keinem der uns bekannten Texte El Hissys ist dies der Fall.

Wir warnen deshalb davor, immer und immer wieder der Inhaltlichkeit die Administration, der Debatte die Entfernung von Positionen und dem Zorn über das Gesagte die wütende Aktion vorzuziehen. In der Tat bedroht das Gehabe der über die Kritik hinaus fordernden Akteure das Einkommen und Auskommen der freiberuflichen Literaturkritikerin.

Zugleich weisen wir, mit zu Recht aufmerkendem Zeigefinger, darauf hin, dass die Verteidigung des freien Wortes (in der vom Grundgesetz zu Recht getroffenen Einschränkung) nicht bedeutet, dass auch jede Funktion für die offen sei, deren Rede noch zu dulden ist. Wenn Insa Wilke bei Deutschlandfunk Kultur darauf hinweist, dass in Gremien wie der Jury des Deutschen Buchpreises kuratieren dürfe, wer nicht verurteilt wurde wegen seiner öffentlichen Äußerungen, sagen wir: Das stimmt nicht. Und es stimmt nicht in beide Richtungen: Wir wollen dort keine rechtsextremen Intellektuellen sehen, die es vermögen, das Unsagbare so zu sagen, dass eine Strafverfolgung nicht stattfinden kann. Und wir wollen nicht, dass jene vor der Tür bleiben, die sich verirrt hatten, aber wieder zurückgefunden haben.

Die Sache ist heikel. In jedem Belang. In jeder Lesart. Wir, die künstlerisch Tätigen und ihr Umfeld, sollten nicht zur eigenen Unfreiheit beitragen. Nicht durch zu wenig Toleranz und nicht durch zu viel.

https://www.deutscher-buchpreis.de/die-jury/
https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/politische-und-moralische-boykotterklaerung/
https://www.deutschlandfunk.de/zu-den-antisemitismus-vorwuerfen-gegen-die-literaturwiss-maha-el-hissy-100.html