Die Comedia Köln, ein Theater, gehört zu den Locations, die für die phil.Cologne zur Verfügung stehen. Dort sollte Mirna Funk, eine jüdische Autorin, auftreten. Kurz vor ihrem Auftritt hat das Theater diesen jedoch abgesagt. Der Auftritt, der am 12. Juni stattfinden sollte, liegt nun bereits in der Vergangenheit. Er wurde schließlich mit Unterstützung der phil.Cologne in eine nahegelegene Kirche verlegt.
Begründet hat das Theater die Absage damit, dass Mirna Funk 2024 in einem Artikel für Die Welt eine Pauschalisierung der aktuellen Bedrohung vorgenommen habe, der sich Juden in Deutschland ihrer Meinung nach ausgesetzt sehen. Dabei habe sie die hier lebenden Türken und Araber dafür verantwortlich gemacht.
Dass dies bekannt war oder hätte bekannt sein können, wenn man bei der Terminvergabe nachgeschaut hätte, steht außer Frage. Es ist zu einer Art Sport der Dummen geworden,Termine und Veranstaltungen mit Wissenschaftlern, Autoren, Sängern oder Künstlern aller Art abzusagen, sobald man auf Aussagen stößt, die einem nicht gefallen.
Es ist eine Sache, dass niemand einladen muss, wen er nicht einladen will. Eine andere Sache ist es jedoch, zu seinem Wort zu stehen, solange die Vorwürfe nicht eine Schwelle überschreiten, die nicht mehr erträglich ist. Und selbst wenn ich der Meinung bin, dass Die Welt – in der Mirna Funk damals veröffentlicht hat – eine Zeitung am äußersten rechten Rand des demokratischen Spektrums ist, auch wenn sie sich einige liberale Sprenkel erlaubt: Vor dem Hintergrund der Taten der Hamas und der hier stattfindenden Demonstrationen, die zu einem Gutteil auch die Auslöschung des israelischen Staates forderten oder so interpretiert werden konnten, ist die Reaktion des Theaters keinesfalls nachvollziehbar.
Die Freiheit des Wortes wird auch bedroht – von dieser verqueren Erwartungshaltung, dass alle in dieselbe Kerbe schlagen müssen. Nein, es gibt unterschiedliche Positionen und Meinungen. Und man muss sie aushalten können, zumindest bis zu dem Punkt, an dem sie nicht mehr akzeptabel sind, weil sie es vor der Geschichte dieses Landes, vor der Würde des Einzelnen, vor dem Schutz von Minderheiten, nicht akzeptiert werden dürfen. Doch dieses Maß war hier nicht überschritten. Das sagt einem der gesunde Menschenverstand, das sagt einem ein Blick auf das sonstige Schaffen Mirna Funks.
Es wäre völlig überzogen – wie es einige fordern –, dem Theater die öffentlichen Mittel zu streichen. Das wäre nur das gleiche Übel in von anderer Seite. Nein — es kommt jetzt darauf an, das Problem zu thematisieren, zu debattieren, den Diskurs zu führen – wie auch immer man es nennen mag. Mit dem Ziel, einen Lernerfolg zu erzielen: einen Lernerfolg, der die Freiheit des Wortes schützt und nicht den Fehler des Theaters durch einen neuen Fehler korrigieren will.
Die PEN-Zentren weltweit – ich bin Präsident des Niederdeutsch-Friesischen PEN-Zentrums – sind aufgerufen, die Freiheit des Wortes zu verteidigen, allerdings auch gegen Hassrede. Doch hier liegt keine Hassrede vor. Hätte Mirna Funk nicht den Fehler gemacht, in jenem Satz “Denn unabhängig von der Tatsache, dass die Deutschen keine Araber brauchten, um sechs Millionen Juden zu ermorden, kommt die größte Gefahr für die jüdische Community aktuell von den in Deutschland lebenden Arabern, Türken und ihren deutschen Warmduscher-Freunden”, nicht von „den Türken und den Arabern“ gesprochen, sondern von „Türken und Arabern“ – also nur eine Teilmenge der Gruppe benannt –, wäre das sicherlich angemessener gewesen.
Aber: Es ist auch verfehlt, nach dem Pogrom, das die bewaffneten Kräfte des Gaza in Israel angerichtet haben – denn das sind die Hamas und ihre Helfer –, zu erwarten, hier sei jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, während man selbst es nicht tut. Denn die Forderung „From the river to the sea“ – eine Forderung, die ich ebenfalls als Auslöschung des Staates Israel verstehe – wurde und wird ja auch nicht auf die Goldwaage gelegt. Nach dem Mord an jüdischen Babys und Kindern, von denen einige lebendig ins Feuer geworfen wurden, nach den Vergewaltigungen, Morden, Verstümmelungen, nach den Entführungen, wäre es doch ein Akt des Verständnisses gewesen, seine vielleicht wirklich tief empfundene Empörung über diese Formulierung von Mirna Funk herunterzuschlucken. Und nicht zuzulassen, dass in Deutschland eine deutsche Jüdin nicht aus einem Theater in Köln geworfen wird.
Foto durch Bella Lieberberg – Mirna Funk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94386376
