Wir trauern um unser Mitglied Peter Nissen (1957–2026).

Mit Peter Nissen ist am 6. April 2026 in Hamburg eine prägende Stimme der norddeutschen Sprach- und Kulturlandschaft verstummt. Er wurde 68 Jahre alt. Geboren am 20. April 1957 in Bordelum, blieb Nordfriesland zeitlebens sein innerer Bezugspunkt – auch dann, wenn sein Lebensmittelpunkt seit rund vier Jahrzehnten in Bargteheide lag.

Nissen war kein bloßer Bewahrer von Sprache, sondern ihr leidenschaftlicher Erneuerer. Seine Muttersprache war Plattdeutsch; Friesisch hatte er sich früh, bereits als Jugendlicher, in Abendkursen beim damaligen Leiter des Nordfriisk Instituut, Tams Jörgensen, angeeignet. Beide Sprachen wurden zu seinem Lebensinhalt – nicht als museale Objekte, sondern als lebendige Ausdrucksformen einer Kultur, die er mit unermüdlichem Engagement weitertrug.

Nach dem Abitur in Niebüll studierte er in Kiel Englisch, Philosophie und Friesisch – eine Kombination, die sein späteres Wirken vorzeichnete: sprachlich präzise, gedanklich weit, kulturell verwurzelt. Mitte der 1980er-Jahre führte ihn sein Weg als Dramaturg an das Hamburger Ohnsorg-Theater. Dort begann eine prägende Zusammenarbeit mit Hartmut Cyriacks, aus der später die „Textmanufaktur Cyriacks & Nissen“ hervorging. Gemeinsam prägten sie über Jahrzehnte das plattdeutsche Theater und Hörspielwesen. Sie übersetzten Bühnenstücke, schrieben Bücher und übertrugen literarische Werke ins Plattdeutsche – von Asterix bis Shakespeare, von Dylan Thomas bis zur zeitgenössischen Dramatik.

Dass sie in der Szene mit einem Augenzwinkern, aber nicht ohne Respekt, „die beiden Plattdeutsch-Päpste“ genannt wurden, zeugt von der außergewöhnlichen Stellung, die sie innehatten. Nissen war dabei nicht nur Autor und Übersetzer, sondern auch ein genauer, geduldiger Sprachcoach, der Schauspielerinnen und Schauspieler bis zur letzten Nuance der Aussprache begleitete.

Sein Wirken blieb jedoch nie auf das Berufliche beschränkt. Seit 2000 gehörte er dem Vorstand des Nordfriisk Instituut an, bereits seit 1987 der Redaktion der Zeitschrift „Nordfriesland“. Seine Arbeit dort war geprägt von Verlässlichkeit, kluger Vermittlung und einem feinen Gespür für Ausgleich. Über ein Vierteljahrhundert gestaltete er den friesischen Schreibwettbewerb „Ferteel iinjsen!“ entscheidend mit und legte damit Grundlagen für eine zeitgemäße friesischsprachige Literatur. Auch der Tams-Jörgensen-Preis trägt unverkennbar seine Handschrift.

Mit dem 2016 gegründeten „Et Nordfriisk Teooter“ setzte er zudem ein Zeichen für die Bühne in friesischer Sprache und engagierte sich weiterhin im Vorstand. Vieles von dem, was er für das Friesische tat, geschah ehrenamtlich – getragen von einer tiefen inneren Überzeugung.

Wer ihm begegnete, erinnert sich an einen Menschen von leiser Autorität, von Witz und Esprit, zugleich diplomatisch und verbindlich. Er war ein Erzähler, der begeistern konnte, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Oder, wie es aus seinem engsten Arbeitsumfeld heißt: eine „kluge Stimme, ein großes Herz und ein treuer Freund“.

Mit Peter Nissen verliert Nordfriesland mehr als einen engagierten Sprachpfleger. Es verliert einen Brückenbauer zwischen Generationen, zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen zwei Sprachen, die ihm gleich nahe waren – und die durch ihn lebendig geblieben sind. In der kurzen Bestandzeit unseres Zentrum hat er prägend gewirkt. Wir regen wegen seiner so großen Verdienste an, seinen Namen dauerhaft nicht nur durch sein Werk, sondern auch im Titel eines Preises zu bewahren.

Sein Werk bleibt. Seine Stimme fehlt.