Positionspapier des Niederdeutsch-Friesisches PEN-Zentrum
zur Zukunft der materiellen Buchüberlieferung und zum Erweiterungsbau der
Deutsche Nationalbibliothek Leipzig

Die Entscheidung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, den geplanten Ausbau der Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig nicht weiter zu verfolgen und stattdessen stärker auf digitale Speicherung von Publikationen zu setzen, ist kulturpolitisch kurzsichtig und archivwissenschaftlich problematisch.
Als PEN-Zentrum, das sich der literarischen Freiheit, der kulturellen Vielfalt und der Bewahrung von Sprache und Literatur verpflichtet fühlt, sehen wir in dieser Entscheidung ein Missverständnis über die grundlegenden Bedingungen kultureller Langzeitüberlieferung.

1. Gedruckte Bücher sind ein bewährtes Langzeitmedium
Gedruckte Bücher gehören zu den langlebigsten Informationsträgern der Menschheitsgeschichte. Handschriften und Drucke aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit sind noch heute ohne technische Hilfsmittel lesbar.
Internationale Normen zur Papierhaltbarkeit (z. B. ISO 9706) definieren Anforderungen an dauerhaftes Papier, das bei sachgerechter Lagerung über mehrere Jahrhunderte stabil bleibt. Das entscheidende Merkmal gedruckter Werke ist ihre mediale Autonomie:
Ein Buch benötigt keine Software, keinen Server, keine Stromversorgung und kein spezielles Lesegerät. Es ist ein passives Archivmedium, dessen Lesbarkeit nicht von technologischen Infrastrukturen abhängt.
Diese mediale Selbstständigkeit ist ein fundamentaler Grund, warum Bibliotheken seit Jahrhunderten funktionieren.

2. Digitale Speicherung ist kein Archiv, sondern ein Prozess
Digitale Speicherung ist ein wertvolles Instrument der Wissensverbreitung, aber sie ist kein dauerhaftes Archivmedium im klassischen Sinne.
Die archivwissenschaftliche Forschung beschreibt digitale Langzeitarchivierung ausdrücklich als permanenten organisatorischen Prozess. Das international anerkannte Referenzmodell OAIS (ISO 14721) zeigt, dass digitale Überlieferung nur dann stabil bleibt, wenn sie kontinuierlich gepflegt wird.
Zu den notwendigen Maßnahmen gehören unter anderem:

  • regelmäßige Migration auf neue Datenträger
  • Kontrolle der Datenintegrität durch Prüfsummen
  • Anpassung an neue Dateiformate
  • Emulation oder Rekonstruktion veralteter Softwareumgebungen
  • redundante Speicherung an verschiedenen geografischen Standorten

Digitale Bestände müssen also aktiv erhalten werden. Sie überleben nicht einfach.

3. Digitale Medien sind kurzlebig
Während Bücher über Jahrhunderte hinweg stabil bleiben können, besitzen digitale Datenträger nur begrenzte physische Lebensdauer.
Festplatten, Magnetbänder und optische Medien altern technisch und materiell. Ohne regelmäßige Migration drohen Datenverlust, Formatobsoleszenz und Softwareinkompatibilität. Archivwissenschaftliche Studien zeigen, dass digitale Medien häufig nur wenige Jahre bis wenige Jahrzehnte zuverlässig lesbar bleiben.
Die Vorstellung, digitale Speicherung könne den materiellen Bestand von Bibliotheken ersetzen, ignoriert diese grundlegenden technischen Realitäten.

4. Kulturelles Gedächtnis braucht Redundanz
Internationale Organisationen wie UNESCO, nationale Archive und große Bibliotheken verfolgen deshalb eine klare Strategie:
Das kulturelle Gedächtnis muss redundant organisiert sein.
Das bedeutet:
physische Originale sichern langfristige Überlieferung
digitale Kopien sichern Zugriff, Verbreitung und Katastrophenschutz
Die digitale Reproduktion ersetzt das Original nicht. Sie ergänzt es.
Wer glaubt, digitale Speicherung könne die materielle Sammlung ersetzen, verwechselt Zugangstechnologie mit kultureller Gedächtnisinfrastruktur.

5. Der Auftrag der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek hat den gesetzlichen Auftrag, alle deutschen und deutschsprachigen Publikationen dauerhaft zu sammeln und zu bewahren.
Dieser Auftrag ist nicht nur bibliothekarischer Natur. Er betrifft das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft.

Mit jährlich zehntausenden Neuerscheinungen wächst der Bestand kontinuierlich. Der geplante Erweiterungsbau der Deutsche Nationalbibliothek Leipzig sollte genau diesem Zweck dienen: der langfristigen Sicherung der materiellen Überlieferung.

Ein Verzicht auf diese Infrastruktur würde faktisch bedeuten, dass Deutschland sein literarisches Gedächtnis zunehmend einer Technologie überlässt, deren langfristige Stabilität nur unter permanenter Pflege gewährleistet werden kann.

6. Kulturpolitik muss in Jahrhunderten denken
Bibliotheken arbeiten nicht in Legislaturperioden.
Sie arbeiten in Jahrhunderten.
Die Frage ist daher nicht, ob digitale Speicherung praktisch ist.
Die Frage lautet:
Wie sichern wir Wissen über Zeiträume von 300, 500 oder 750 Jahren?
Ein Buch kann diese Zeiträume überstehen.
Eine Datei kann sie nur überstehen, wenn über Generationen hinweg Institutionen, Budgets und Technologien stabil bleiben.
Diese Voraussetzung ist historisch keineswegs selbstverständlich.

Schlussfolgerung

Die Digitalisierung von Literatur und Wissen ist eine große kulturelle Errungenschaft. Sie erweitert den Zugang zu Wissen und fördert Forschung und Bildung.
Aber Digitalisierung ersetzt keine Bibliotheken.
Eine Kulturpolitik, die glaubt, materielle Sammlungen durch digitale Speicher ersetzen zu können, gefährdet das kulturelle Gedächtnis unseres Landes.

Der Ausbau der Deutsche Nationalbibliothek Leipzig ist daher kein nostalgisches Projekt.
Er ist eine notwendige Investition in die langfristige Sicherung der literarischen und wissenschaftlichen Überlieferung Deutschlands.

Das Niederdeutsch-Friesisches PEN-Zentrum fordert die Bundesregierung auf, die Entscheidung zu überdenken und die infrastrukturellen Voraussetzungen für eine nachhaltige kulturelle Gedächtnispolitik zu sichern.

Digitale Zugänglichkeit und materielle Bewahrung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Beides gehört zusammen.

Zugleich hoffen wir, dass die Sprachländer, in denen Niederdeutsch, Friesisch und verwandte Sprachtraditionen lebendig sind – etwa die Niederlande, Brasilien oder Dänemark –, ihr kulturelles Erbe weiterhin auch materiell bewahren und dem drohenden deutschen Beispiel einer einseitigen Digitalisierung nicht folgen.

Das literarische Gedächtnis Europas und der Welt darf nicht auf flüchtige Datenträger reduziert werden. Es braucht Orte, Räume und Bibliotheken, in denen Bücher auch in Jahrhunderten noch gelesen werden können.

Foto Sandro Halank, Wikimedia Commons