Wir warnen davor, uns – die demokratische Mehrheit, die Mehrheit, die gegen Antisemitismus steht – selbst als in die Ecke gedrückt anzusehen, und wir warnen davor, voll Angst vor einer unbekannten Zukunft, voll Furcht vor einer sich abzeichnenden Bedrohung eine Aggressivität in Wort und Tat an den Tag zu legen, die gefährdet, was wir erhalten wollen.

Wir lehnen deshalb ab, mit Sanktionen gegen die Festival-Leitung zu reagieren, wo eine Debatte geführt werden muss, die umfassend in jedem Wortsinn sein sollte.

Der Hamburger Kultursenator Brosda hat im Interview mit der taz ebenfalls vor solchen Eiligkeiten gewarnt. Der PEN Berlin widerrät ebenso, wie es der Deutsche Kulturrat tut.

Wir haben in der Vergangenheit immer wieder klar gemacht, dass wir, nicht nur in den eigenen Reihen, Antisemitismus nicht dulden werden und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aktiv bekämpfen – in Deutschland, den Niederlanden, Brasilien, Dänemark und anderswo, wo wir gefordert sind.

Gleichwohl muss die künstlerische Freiheit gewahrt werden. Gleichwohl müssen Sündenbockereien, Bauernopfer und fehlerhafte Schuldzuweisungen vermieden werden.

Kunst, mit ihr die Literatur, ist stets politisch. Will sie unpolitisch sein, so ist sie politisch in besonderem Maße. Wir wissen, dass viele Statements, Einlassungen und optische Aufmerkungen aus diesem und dem vergangenen Jahr mit unseren erklärten Positionen antagonistisch sind. Wir wollen aber nicht, dass statt des gesellschaftlichen Austausches eine neue Idee hegemonialer Kunstinhalte entsteht. Deshalb sind wir, trotz aller Bitternis, gegen die Entlassung von Tricia Tuttle.

Wir wünschen uns, dass die Festivalleitung zur kommenden Berlinale Filmemacher:innen aus Israel einlädt, aus Kurdistan, solche mit iranischer Herkunft und Indigene aus Nordamerika. Jene also, die gefährdet sind in der Existenz ihres Landes, ihrer Sprache, ihres Lebens, ihrer Ethnie.

Foto: Tricia Tuttle fotografiert von Elena Ternovaja, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons