Mohamed Tadjadit ist Dichter. Und genau das ist in Algerien seit Jahren sein „Vergehen“. Seit dem Beginn der Hirak-Proteste 2019 steht der aus Bab El Oued stammende Slam-Poet für eine Generation, die soziale Gerechtigkeit, politische Teilhabe und ein ziviles – nicht militärisches – Staatsverständnis einfordert. Seine Gedichte, vorgetragen in Darija, der Alltagssprache der Menschen, verliehen dem Protest eine Stimme, die weit über die Straßen Algiers hinaus gehört wurde. Dafür zahlt Tadjadit einen hohen Preis.

Seit 2019 wurde er mindestens neun Mal verhaftet und mehrfach zu Haftstrafen verurteilt. Die Vorwürfe wiederholen sich in immer neuen Varianten: „Schädigung nationaler Interessen“, „Verbreitung falscher Informationen“, „Aufruf zu nicht bewaffneten Versammlungen“, zuletzt sogar „Terrorismuspropaganda“. Gemeint sind Gedichte, Videos, politische Kommentare in sozialen Netzwerken – also genau jene Formen friedlicher Meinungsäußerung, die durch internationale Menschenrechtsnormen geschützt sind.

Besonders gravierend ist seine aktuelle Inhaftierung. Am 16. Januar 2025 wurde Tadjadit im Zusammenhang mit der Online-Kampagne #JeSuisPasSatisfait / #Manich_Radi festgenommen. Drei Tage später erhob man Anklage wegen angeblicher Gefährdung der nationalen Einheit und Beleidigung staatlicher Institutionen. Die „Beweise“ bestanden ausschließlich aus öffentlich zugänglichen Gedichtvideos und politischen Aussagen. Am 20. Januar 2025 verurteilte ihn ein Gericht in Rouïba in einem beschleunigten Verfahren zu fünf Jahren Haft und einer hohen Geldstrafe. Seither ist er im Gefängnis El Harrach in Algier inhaftiert – willkürlich, ohne fairen Prozess, allein wegen seines Wortes.

Am 30. November 2025 begann ein weiteres Verfahren gegen Tadjadit und zwölf andere Aktivist*innen. Auch dieses basiert ausschließlich auf friedlichem Aktivismus und privaten Gesprächen über politische Reformen. Bei einer Verurteilung drohen extrem hohe Haftstrafen, in Teilen des Verfahrensrahmens sogar die Todesstrafe. Aus Protest gegen diese eskalierende Repression trat Mohamed Tadjadit am 16. November 2025 in den Hungerstreik – ein verzweifelter Akt, um auf seine Lage und die seiner Mitangeklagten aufmerksam zu machen.

Internationale Reaktionen lassen keinen Zweifel an der politischen Dimension dieses Falls. Amnesty International spricht von einer „relentlosen Verfolgung friedlichen Dissenses“ und fordert Tadjadits sofortige und bedingungslose Freilassung. Die UN-Arbeitsgruppe gegen willkürliche Inhaftierungen erklärte bereits 2022 frühere Haftstrafen Tadjadits für völkerrechtswidrig. Im Januar 2025 verabschiedete das Europäische Parlament eine Resolution zu seiner Freilassung. Zahlreiche Organisationen – darunter PEN International, Index on Censorship und internationale Menschenrechtsverbände – haben sich in Solidaritätserklärungen angeschlossen.

Mohamed Tadjadit sitzt im Gefängnis, weil er Gedichte schrieb und laut aussprach, was viele denken. Seine Inhaftierung ist ein Angriff auf die Freiheit des Wortes – nicht nur in Algerien, sondern überall. Solidarität mit ihm heißt, sich schützend vor die Grundrechte zu stellen, die das freie Denken und Sprechen erst möglich machen. Ein Dichter gehört nicht hinter Gitter. Seine Worte gehören auf die Straße, zu den Menschen.