Joachim Minnemann
Hilfe und Selbsthilfe.
Die gefährdete Demokratie, die Minderheiten und ihre Sprachen und der niederdeutsch-friesische PEN.
ABWESENHEIT. Einer erzählt, wie sie ihn erschießen wollten, wie sie ihn fesselten, den Lauf der Pistole an die Schläfe drückten und schrien. / Er lebt, und er erzählt. / Wir leben auch und hören zu. (Peter Bichsel)
I.
Der 8. Oktober 2024 war ein sehr besonderer Tag. Für Marie Tångeberg, für den niederdeutsch-friesischen PEN (NF PEN), und auch für mich.
Erstens hatte Marie Tångeberg Geburtstag, ihren hundertsten! Welch ein Leben! Es gab eine große Feier mit der Friisk Foriining. Die Jubilarin war agil wie gewohnt und ertrug alles mit Fassung und Anteilnahme.
Zweitens bekam der neu gegründete NF PEN an diesem Tag seine Ehrenpräsidentin. Eine, die mit der friesischen Sprache und den Anliegen der wehrhaften und diskussionsfreudigen Demokratie, mit der Verteidigung der Minderheiten und der Teilhabe aller am freien Austausch von Ideen aufs Allerengste verbunden ist.
Als ich sie gefragt hatte, ob sie sich im NF PEN engagieren wolle, hatte sie sofort zugesagt. Für sie war es keine Frage, dass die Freiheit des Wortes verteidigt werden muss, genauso wie die Rechte der Minderheiten, in ihrer eigenen Sprache ihr Lebensgefühl, ihre Weltsicht und ihre Geschichte zum Ausdruck bringen zu können.
Und drittens war dieser Tag auch für mich ein besonderer, konnte ich ihr doch die Urkunde zu ihrer Ehrenpräsidentschaft unseres PEN überreichen. In der kleinen Rede, meiner ersten auf frasch, verwies ich auf Marie Tångebergs Verdienste um die friesische Sache und auf die Notwendigkeit, dass auch wir für die verfolgten und drangsalierten Autorinnen und Autoren eintreten sollten. Die Zustimmung war erfreulich groß und im Laufe der Zeit konnte ich unter den friesisch schreibenden KollegInnen einige für eine Mitgliedschaft im NF PEN gewinnen.
II
Die wertebasierte Demokratie ist weltweit bedroht. Und sie ist es so sehr, dass die Welt ein weiteres Mal an einem Scheideweg steht. Diesmal geht es um die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, gewissermaßen ums Eingemachte: die Gewaltenteilung, die Grundfreiheiten und die elementaren Menschenrechte. Sie werden in Frage gestellt, umgangen, abgebaut, geleugnet, abgeschafft. Die freie Justiz wird missachtet, die Pressefreiheit beschnitten, eine mit dem Staat häufig eng verflochtene Korruptionsstruktur bedient sich nicht selten offener Gewalt – und schon haben wir die Gemengelage, die den freien Autorinnen und Autoren, die den unabhängigen Journalistinnen und Journalisten das kreative Leben erschweren oder ganz verunmöglichen.
Zuerst stirbt auf diese Weise Stück für Stück die Wahrheit. Sie wird zurechtgebogen, verdreht, geleugnet, pervertiert und scheint hinter der Lüge, mit der sie nun gemein wird, irgendwann nicht mehr vorhanden (gewesen) zu sein. Sie wird gleichsam selbst Teil einer Schmutzkampagne, mit der Autorinnen und Autoren, die bedeutende Anliegen ihrer Völker, ihrer Sprachgemeinschaften, des Weltgewissens auf anspruchsvolle Weise vertreten, überzogen werden, ausgegrenzt und mundtot gemacht. So wie auch die Wissenschaften und ihre Expertisen, seien sie auch noch so faktenbasiert und hieb- und stichfest – der ungesunde Menschenverstand wird sie schon diskreditieren.
Die Angriffe auf das Institutionengefüge demokratischer Gesellschaften durch Attacken seitens der Autokratien dieser Welt werden zahlreicher und massiver. ‚Die Handlungsspielräume für zivilgesellschaftliches Engagement schrumpfen.‘ Die politische Polarisierung, der Populismus sind vielfältig, raffiniert, ja, durchtrieben, und sie setzen sehr häufig dort an, wo es bedeutende Teile der Bevölkerung nicht sogleich, also womöglich nicht rechtzeitig bemerken – wenn sie es nicht sogar leugnen: bei der Freiheit des Wortes.
Jener Freiheit, die die Kunst, das gute Leben und die lebendige Auseinandersetzung ziviler und offener Gesellschaften erst ermöglicht. Und die dort, wo sie garantiert wird, zu bedeutenden Zeugnissen menschlicher Kultur ihr Bestes beiträgt: den Aufschein einer möglichen friedvollen und prosperierenden Welt.
Das mag gewaltig klingen, ist aber im Kern das, was die PEN-Zentren weltweit nahezu seit Anbeginn der Geschichte der SchriftstellerInnenvereinigung verteidigen und zu bewahren suchen.
III
Wie es John Ralston Saul, der frühere Präsident des PEN International, formuliert, gibt es viele Arten ‚einen Schriftsteller vom Schreiben oder einen Redner vom Reden Feuchert, Thill, Venske ab(zu)halten‘.
Bekannt sind unseren Leserinnen und Lesern womöglich Salman Rushdie (Fatwa und Mordanschlag), Alexej Nawalny (Giftanschlag, Ermordung im Lager), Raif Badawi (1000 Peitschenhiebe und 10 Jahre Haft, seither Reise- und Publikationsverbot). Und es gibt so viele erschütternde Fälle mehr!
Sieht man auf die über 800 Fälle namhafter Autorinnen und Autoren, die in der sog. Case-List des internationalen PEN aufgelistet sind (natürlich sind viel mehr, oft unbekannte, in Gefahr, in Haft oder ins Exil getrieben), finden sich alle Arten, die sich denken lassen, wie man die Seismographen der kommenden Gefährdungen, also die Autorinnen und Autoren, mundtot machen kann. Die PEN-Programme Writers in Prison / Writers at Risk machen es sich Jahr um Jahr zur Aufgabe, verfolgte, inhaftierte, mit dem Tode bedrohte Autoren zu retten. Der NF PEN setzt sich derzeit besonders für Nudem Durak ein, eine kurdische Sängerin, die immer wieder in Haft genommen wurde, weil sie – in ihrer Sprache! – singt.
IV
Was braucht es für den Schutz der Rechte der Autoren? Internationale Aufmerksamkeit, wo immer die Freiheit der Meinungsäußerung durch Einschüchterung oder schon durch bloße Ignoranz, durch Zensur, Publikationsverbote, Buchverbote in Bibliotheken, Verfolgung, Repressalien gegen die Familie, Inhaftnahme oder Verurteilung und Todesdrohungen in Gefahr gerät. Es braucht Hilfe durch unabhängige Medien, finanzielle und persönliche Unterstützung, Stipendien, Publikationshilfe, starken Rechtsbeistand, sichere Zufluchtsorte und vor allem eine funktionierende Strafverfolgung der Täter. Und das ebenso für die aufs Erste ‚Geretteten‘: die Exilierten, die nun fern der Heimat, der gewohnten Umgebung in einem ihnen fremden Land auf solidarische Hilfe angewiesen sind. Es ist also eine schwierige und mit etlichen Rückschlägen verbundene Arbeit, der sich die PEN-Zentren stellen.
Und es braucht außer Schutz vor Diskriminierung und Verfolgung nachhaltige Bildungsinitiativen, eine gezielte Medien- und Kulturförderung, die helfen, die Notwendigkeit von weltweitem Einsatz für Humanität und für die Solidarität mit den Verfolgten in der Bevölkerung zu verankern.
V
Toleranz und Offenheit für freies Denken und Sprechen werden gefördert, indem beides gegenüber den eigenen Minderheiten vorausgesetzt und eingefordert wird.
In dem sehr verdienstvollen Band Sprachenvielfalt und Demokratie in Deutschland zeigen die AutorInnen, dass das unveräußerliche Menschenrecht, die eigene Kultur entfalten und die eigene Sprache in möglichst solidarischem Miteinander aller pflegen zu können, fundamental ist für eine lebendige und wahrhaft demokratische Gesellschaft. Der Erhalt der identitätsstiftenden Minderheitensprachen hilft dabei, auch kulturelles Erbe aller zu retten. Und nicht zuletzt zeigt der pflegliche, respektvolle Umgang mit Minderheiten, welches Demokratieverständnis eine Gesellschaft sich zu eigen macht. Was wiederum hilft, beim Einsatz für die weltweite Geltung von Demokratie und Menschenrechten überhaupt glaubwürdig sein zu können. Nur in der Anerkenntnis der Minderheiten und ihrer Rechte zeigt sich der wahre Weltbürger.
Die Minderheitenrechte als ein Postulat der Demokratietheorie (Oeter) sind bei uns mittlerweile nach zähem Bemühen grundrechtlich gesichert, was nicht heißt, dass es nicht noch, zum Teil erhebliche, Verbesserungsmöglichkeiten gäbe. In weiten Teilen der Welt aber sind die Minderheitensprachen in großer Gefahr. Wird ihre Absicherung gestrichen, sind bald auch die Basiswerte für alle bedroht. Ihre Marginalisierung hat die Gefährdung aller freiheitsliebenden Menschen zur Folge. Ohne die Ausübung der Freiheit des Redens droht das Verstummen! Umgekehrt ist ihre klare Unterstützung (durch öffentliche Beachtung und Wachsamkeit, finanzielle Unterstützung, Bildungsförderung und Lehrendenausbildung) der einzige Garant für ihr Weiterbestehen und für das nötige Problembewusstsein bei den Mehrheitssprachlern. Eine doppelte Diskriminierung als Sprechende einer ‚kleinen‘ Sprache wie als kritisch Schreibende, der die Schriftsteller und Übersetzer unter den Minderheitensprachlern in Ländern wie Algerien, China, Russland, Vietnam, Myanmar, Iran, Saudi-Arabien, der Türkei … seit langem ausgesetzt sind, darf es bei uns auch im kleinsten Ansatz nicht geben. Das ‚Manifest von Girona zu Sprachenrechten‘ des PEN International bietet eine gute Grundlage, um dem entschieden vorzubeugen.
VI
Um all das Vorstehende geht es dem NF PEN: Solidarisch einzutreten für gefährdete und bedrohte Kolleginnen und Kollegen weltweit, zugleich die Anliegen der eigenen Minderheiten- und Regionalsprachen zu unterstützen – und zwar wiederum weltweit: für die Niederdeutsch und Friesisch schreibenden Menschen in Deutschland, Brasilien, den USA und Südafrika. Und nicht zuletzt für die Reputation unserer Sprachen im Kanon der Literatur.
In der Präambel unserer Satzung heißt es: „Das Recht in der eigenen, auch der erst erwählten, Sprache zu sprechen, zu schreiben und zu publizieren, ist ein Freiheitsrecht, welches in zu vielen Teilen der Welt erschwert wird, Unterdrückung erleidet, von staatlicher oder gesellschaftlicher Verfolgung und Stigmatisierung betroffen ist. PEN International, die Dachorganisation der PEN-Zentren, und die Zentren selbst unterstützen die Freiheitsrechte von Schreibenden und Publizierenden in den Staaten, in denen jene Kolleginnen und Kollegen von Verfolgung bedroht sind. Wir, deren Situation eine gänzlich andere ist, wollen jenen eine Hilfe sein, die solchen Pressionen ausgesetzt sind. Zugleich wollen wir die niederdeutsche und die friesischen Sprachen mit allen Dialekten befördern und dazu beitragen, dass alle Literaturgattungen in hoher literarischer Qualität sich auch in ihnen finden.“
Derart ist gut umrissen, was die Ziele und Vorhaben des NF PEN sind.
VII
Es bleibt mir noch, Sie, liebe Leserinnen und Leser, zu bitten, die Anliegen des NF PEN zu unterstützen. Kommen Sie zu unseren Veranstaltungen, gehen Sie auf unsere Homepage und unterstützen Sie die Autorinnen und Autoren, deren Fälle dort dokumentiert sind. Sie treten damit auch für Ihre eigenen Rechte ein. Und das Risiko an Demokratiearmut zu leiden wäre zu groß, wenn diejenigen, die das freie Wort und seine VerfechterInnen angreifen, ohne Gegenwehr davonkämen. Es ist gut, wenn wir zuhören; besser ist es, wenn wir aktiv unsere Stimme erheben. Foole tunk!
Fußnoten / Literaturverzeichnis
Demokratie
Applebaum, Anne: Die Achse der Autokraten, Frankfurt a. Main u.a., Büchergilde, 2025
Aus Politik und Zeitgeschichte: Heft 27/2024: Demokratie in Gefahr? Darin: die Ausätze von Susanne Pickel, Was ist Demokratie?; Veith Selk, Demokratische Malaise; Wolfgang Merkel, Wie resilient ist unsere Demokratie?; Lea Ypi, Freiheit, Kapitalismus und Demokratie
Cooley, Alexander / Nexon, Daniel: Das Ende der liberalen Weltordnung. America First und der Multilateralismus autoritärer Mächte. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Berlin, Heft 2/25, S. 51-58
https://www.reporter-ohne-grenzen.de/
Lessenich, Stephan: Grenzen der Demokratie. Teilhabe als Verteilungsproblem, Stuttgart, Reclam, 2019
Südlink, Heft 211, Die autoritäre Gefahr. Wie die Demokratie unter Druck gerät, Inkota, März 2025, darin die Aufsätze von Börries Nehe, Die Hoffnung zurückgewinnen und Christine Meissler, Zum Schweigen bringen
Weisband, Marina / Mann, Frido: Was uns durch die Krise trägt. Ein Generationengespräch. Darmstadt, Theiss/wbg, 2023
Minderheiten
Bundesministerium des Innern, Nationale Minderheiten in Deutschland, Berlin, 3. Aufl. 2010
Feuchert, Thill, Venske (Zusammenstellung), Hinauf in das winzige Zelt von Blau. Writers in Prison/Writers at Risk. In: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Heft 261, 2016
Kursbuch Nr. 219, Exil, Hamburg, 2024
Minnemann, Joachim (unter Mitarbeit von Manuel Miranda), Umfrage unter chilenischen Autoren im Exil. In: Sammlung 3, Jahrbuch für antifaschistische Literatur und Kunst. Frankfurt am Main, 1980, S. 45-59
Nickelsen, Ellin, Was wäre, wenn wir die Wahl gehabt hätten? In: Walker, Alastair, S. 75-79
Nordfriisk Instituut (Hrsg.) Nordfriesland, Heft Nr. 228, S. 4
PEN International und niederdeutsch-friesischer PEN
Wali, Najem (Hrsg.), 25 Jahre Writers in Exile. Gefährdete Stimmen einer Welt in Gefahr. Anthologie. Berlin, Secession, 2025
Walker, Alastair G.H. (Zusammenstellung), Sprachenvielfalt und Demokratie in Deutschland. Dokumentation des Kongresses vom 16.-17. November 2001 in den Landesvertretungen Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Berlin. Hrsg. Vom European Bureau for Lesser Used Languages. Komitee für die BRD. Darin insbesondere: Blair, Philip, Sprachenvielfalt und Demokratie aus europäischer Sicht, S. 38-48; Oeter, Stefan, Sprachenvielfalt und Demokratie aus deutscher Sicht, S. 49-74; Oksaar, Elk: Sprachenvielfalt und Demokratie aus global-wissenschaftlicher Sicht, S. 27-37
